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Tobi bestätigt seinen Platz an der Bahnrad-Weltspitze

Tobias Buck-Gramcko ist wohl der erfolgreichste aller Tusporaner. Nachdem er 2019 gleich dreifacher Junioren-Weltmeister auf der Bahn wurde – und zwar im 1000-Meter-Zeitfahren, der Einerverfolgung, und der Mannschaftsverfolgung – konnte er dieses Jahr bei der Europameisterschaft die Bronzemedaille und bei der Weltmeisterschaft Platz 5 in der Einerverfolgung nach Hause fahren. Ich habe mich mit Tobi getroffen und ein bisschen über die WM und das Leben als Radprofi gesprochen.

Tobi hat mit 14 seine erste Radlizenz gelöst. Mittlerweile ist er 22 Jahre alt und in seinem letzten Jahr als U23-Fahrer. Das feste Ziel, Radprofi zu werden, hatte er nie. Da er aber immer weiter Leistung gebracht hat, wurde aus Hobby mehr. Nach seinen Erfolgen 2019 wurde Tobi dann richtig bewusst, welche Möglichkeiten er hat. Heute ist er Profifahrer und wird von der Bundeswehr finanziert.

Für die WM diesen August stand der Fokus vor allem auf dem Vierer, die Einerverfolgung kommt danach. Dort war das Ziel dann, ins ‚kleine Finale‘ (also das Rennen um Platz 3) zu fahren. Dafür hätte Tobi seine Bestzeit fahren müssen, die bei 4:06 Minuten liegt. Am Ende wurden es dann 4:07 Minuten und Platz 5, womit Tobi aber auch zufrieden ist. Was ihm zu Filipo Ganna, der sich auf spektakuläre Art und Weise die Goldmedaille sicherte, noch fehlt? So 100 Watt! Allerdings sagt er auch, dass Ganna in Tobis Alter die gleichen Zeiten fuhr wie er.

Mit Größen wie Ganna (Gold Einerverfolgung, Weltrekordhalter), Bigham (Bronze Einerverfolgung) und Milan (Sieger des Sprinttrikots beim Giro d’Italia) im gleichen Wettkampf zu sein oder zusammen auf dem Podest zu stehen, ist auch für Tobi etwas ganz besonderes, denn das sind echt Stars des Radsports, die man auch außerhalb der Track-Bubble kennt.

Tobis Spezialdisziplin ist die Einerverfolgung, etwas lieber noch fährt er allerdings das Mannschaftsfahren. Dort heißt es dann „Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen“. Andere Disziplinen fährt er nicht auf internationaler Ebene und da ist er auch nicht bei allen traurig drum, denn er bezeichnet das Ausscheidungsfahren als „ziemlich kriminell“.

Die Einerverfolgung bezeichnet er hingegen als „sehr ehrlich“, denn dort ist man für die Leistung komplett allein verantwortlich. Wenn er im Block am Start steht, dann denkt er nicht mehr an viel. Eine Art Ritual hat er jedoch: „Ich habe da so einen Atemrhythmus. Ich atme immer bei Ungerade ein und bei Gerade wieder aus. In meinem Kopf ist das so ein ‚Ich atme einfach so lange ich noch kann‘.“ Ob das wirklich etwas bringt, weiß Tobi nicht, aber es bringt ihn in die richtige Stimmung.

Bei dem WM-Rennen hatte er nicht den perfekten Gegner, denn er war etwas zu langsam und wurde von Tobi zweimal überholt. Ideal wäre es, wenn man selbst 3-4 Sekunden besser ist, damit man auf den letzten Metern von dem Windschatten profitieren kann.

Neben dem Bahnradfahren fährt Tobi auch Straßenrennen. Straßenprofi war eigentlich sein ursprüngliches Ziel und Olympia 2020 sollte ein Sprungbrett dafür sein. Wegen Corona wurde Olympia auf 2022 verschoben und dort wurde aus Tobis Plan nichts. Die Kombination von Bahnblock – Straßenblock – Bahnblock usw. sei auch nicht unbedingt ideal. Auch wenn man gut in Form für die Straße war, fängt man nach so einem Bahnblock wieder von vorne auf der Straße an.

Wenn man [beim Straßenrennen] hinten hängt und eigentlich die ganze Zeit nur am Sterben ist und sich eigentlich nur fragt, wie man das jetzt überleben soll, dann ist schon auch das hart. Und nicht nur das: Auch vieles um den Sport herum ist schwierig – zum Rennen nach Polen ist Tobi mit dem Auto fast bis zur ukrainischen Grenze gefahren, was er als sehr hart empfand. Obwohl Tobi manchmal seine Schwierigkeiten auf der Straße hat, schwärmt er dafür und für die Rennen.

Durch die ganzen Wettkämpfe und Trainingslager kommt man viel herum. Dieses Jahr war er zum Beispiel neben einigen europäischen Ländern auch in Indonesien und Ägypten. Natürlich ist er nicht zum Urlaub da, aber wenn er mit seinen Rennen schon durch ist und seine Teamkolleg*innen noch fahren müssen, freut er sich, auch mal etwas von der Stadt mitzubekommen. So konnte Tobi bei der WM in Glasgow zum Beispiel zu den BMX- und Straßenrennen gehen und will beim Nations Cup nächstes Jahr (Brisbane, Hong Kong, Milton) ein bisschen Sight Seeing machen. Die negative Seite ist, dass er kaum zuhause ist und sein Privatleben etwas zurückstecken muss: „Mich stört, dass wir die ganze Zeit unterwegs ist. Mit 220 Tagen pro Jahr bin ich im Jahr mehr unterwegs als zu Hause.“

Und wie sieht Tobis Trainingsalltag aus? Er trainiert ausschließlich auf der Straße. Während der Vorbereitung auf die Bahnsaison ist er auch einmal pro Woche zum Krafttraining im Fitnessstudio. Insgesamt kommt er auf 15-30 Stunden Training pro Woche, meistens seien es um die 20. Auf die Bahn geht es nur direkt vor dem Wettkampf, um vor allem mit dem Team Technik und Intensitäten zu trainieren. Mit der Mobi, dem Rollen und Dehnen hält er es wie die meisten der Radsportler*innen, ob Amateur oder Profi: Das ist eher Idealfall als Realität. Außer bei harten Trainingsblöcken, Problemen oder Verletzungen, wo es dann doch auf dem täglichen Programm steht.

Im Winter sieht das Training sehr ähnlich aus, denn Tobi ist überhaupt kein Rollen-Fan. Er ist sehr häufig auf Mallorca im Trainingslager und fährt bei Schnee in Deutschland gerne auch mal MTB oder geht laufen, wenn es in den Plan passt.

Die Rolle holt er wirklich nur heraus, wenn es nicht anders geht. Aber das kommt wohl so selten vor, dass ihm seit der Corona-Zeit die 25 gratis-Kilometer von Zwift ausreichen. Die Straße geht quasi eigentlich immer noch klar. Auf Zwift hat Tobi auch schon ein paar Mal an Rennen teilgenommen. Er dachte, dass man als KT-Fahrer eigentlich ganz gute Chancen haben könnte, wurde dann aber überrascht.

Jugendfahrer*innen rät Tobi, sich Zeit zu lassen und nicht von Beginn an super Ergebnisse bei Rennen zu erwarten, denn „man braucht einfach ein paar Jahre – viele wollen zu schnell zu viel.“ Das wichtigste ist, Spaß bei der Sache zu haben und es für sich und nicht seine Eltern zu machen, denn dann hört man irgendwann sowieso auf. Man sollte allerdings spätestens mit 16 Jahren anfangen, wenn man noch Profi werden will. Denn es ist nicht nur wichtig, viel Rad gefahren zu sein, sondern auch zu lernen, wie man Radrennen fährt. Man benötigt Rennerfahrung und Erfahrung im Feldfahren.

Tobi findet Göttingen als Rad-Stadt schon ziemlich gut und findet besonders die Radautobahn „ziemlich geil“ und zieht als Fazit, dass es Göttingen als Radsportstadt schon gibt. Einen Kritikpunkt hat er allerdings noch, denn es gibt in ganz Niedersachsen keine Radrennbahn mehr. Scherzhaft fordert er, dass wir in Göttingen mal ne richtige Bahn bauen könnten. Allerdings weiß er auch, dass Göttingen vielleicht etwas zu klein dafür ist.

Bevor es im Oktober in die wohlverdiente Trainingspause vor dem Wintertraining geht, fährt Tobi noch bei der Deutschland-Tour und, wenn er Glück hat, bei der U23 EM in den Niederlanden mit.

Für nächstes Jahr steht dann im Januar die Bahn-EM an und von Februar bis April der Nations‘ Cup. Im Sommer können wir Tobi dann hoffentlich bei Olympia sehen – wir drücken die Daumen!


Habt ihr Lust, das ganze Interview mit Tobi als Podcast zu hören? Dann könnt ihr das hier machen. Aber Achtung – das war ursprünglich nicht als Podcast gedacht und ist daher nicht unbedingt professioneller Natur… 😉


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